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Ausgabe 83/ June 2026
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"Was vom Menschen bleibt, wenn Rollen, Selbstverständlichkeiten und Autonomie … zunehmend verschwinden"

(Jana Thiel, Ehrenamtliche Mitarbeiterin im Ambulanten Lazarus Hospizdienst)

Wir grüßen Sie herzlich

mit Worten aus dem Bericht von Jana Thiel, einer der neuen ehrenamtlich Mitarbeitenden, die im Mai ihren Kurs zur Hospizbegleiterin absolviert hat. Lesen Sie in diesem Artikel von ihren spannenden Erfahrungen.

Die Kunst, subjektive Wirklichkeitsräume zu teilen
– Erfahrungen aus dem Kurs Sterbebegleitung im Lazarus Hospiz


Was bedeutet es, einen Menschen am Ende seines Lebens zu begleiten? Diese Frage stand am Anfang des Kurses zur Sterbebegleitung im Ambulanten Lazarus Hospizdienst und sie hat sich für mich nicht eindeutig beantworten lassen. Stattdessen hat sie sich weiter entfaltet sowie in vielen Facetten an Tiefe gewonnen.

Von der Suche nach konkreten Antworten zur Frage nach innerer Haltung
Mein persönliches Fazit nehme ich an dieser Stelle vorweg: Die Frage nach einer „guten“ Sterbebegleitung beantwortet sich für mich im Zusammenspiel von Technik, Methode und besonders meiner persönlichen Haltung. Haltung beschreibt meine innere Ausrichtung, aus der heraus ich wahrnehme, denke, fühle und handle. Im Verlauf des Kurses wurde das Ausformen dieser Haltung zu einem zentralen Dreh- und Angelpunkt. Die Vielfalt schließt einheitliche Betrachtungen aus. Schon in der Zusammensetzung der Gruppe wurde deutlich, dass es keine standardisierten Antworten geben kann. Die Ehrenamtlichen kommen alle aus ganz unterschiedlichen Lebens- und Arbeitswelten, bunt zusammengewürfelt. Vom Juristen zur Architektin, vom Schauspieler zur Theaterregisseurin, von der Fitnesstrainerin zum systemischen Coach, um nur einige Beispiele zu nennen. Auch eine Pflegefachkraft sowie ich als Bestattungsassistentin sind dabei, also jene Berufe, bei denen man am ehesten eine Nähe zum Tod vermuten würde. Im Verlauf zeigte sich aber, dass solche Zuschreibungen – beruflich wie biografisch – kaum tragen und beginnen, sich im Kontakt aufzulösen. Jede und jeder bringt eine eigene Geschichte mit. Frühe Verluste schon in der Kindheit, Erfahrungen mit Pflege von Angehörigen, persönliche Abschiede. Der Tod ist allen auf unterschiedliche Weise bereits begegnet. Ich habe oft gestaunt, wie sich diese vielfältigen Erfahrungen im Austausch nebeneinander entfalten konnten. Dabei wurde spürbar, dass es keinen normativen Sterbeprozess gibt, vielmehr zeigt sich jeder Abschied als individuell.

Kommunikation und die Erweiterung von Perspektive
Ich vermute, ich war nicht die Einzige, die sich vorab vorstellte, wie eine solche erste Begegnung aussehen könnte: einer sterbenden Person gegenüberzutreten, ein Gespräch zu beginnen, das keinen gemeinsamen Ausgangspunkt hat, irgendwo zwischen Nähe und Sprachlosigkeit. Wen habe ich vor mir? Wie komme ich in Kontakt? Welche Fragen sind möglich und was lösen sie aus? Warum ist es nicht schlimm, keine passende Antwort parat zu haben? Aus dem Kurs nehme ich mit, dass Kommunikation auf mehreren Ebenen geschieht und weit mehr ist als der Austausch fertiger Bedeutungen; werden diese Ausdrucksmöglichkeiten im Miteinander bewusst genutzt, kann sich meine eigene Perspektive wohlwollend erweitern und verschieben. An die Stelle konkreter Antworten tritt für mich das Vertrauen, dass in diesen Momenten etwas Wertvolles entstehen kann (schon jetzt freue ich mich darauf, in der regelmäßigen Supervision von den Begegnungen und Gedanken der anderen Ehrenamtlichen zu erfahren und weiter daraus zu lernen).

Validieren statt Korrigieren, wenn gemeinsame Realität nicht mehr gilt
Wie radikal die Perspektivverschiebung sein kann, wurde besonders in der Kurseinheit zum Thema Demenz deutlich. Sie hat mein Verständnis für tiefgreifend veränderte Wahrnehmungs- und Wirklichkeitsräume erweitert. Wie ist es möglich, auch dort in Beziehung zu treten, wo Sprache, Logik, räumliche Verortung oder Erinnerung nicht mehr konsistent sind? Wie löse ich mich von der Vorstellung, es gebe eine gemeinsame, objektive Wirklichkeit? Vielmehr gilt es zu versuchen, sich in die Erfahrungswelt des Gegenübers einzufühlen. Ich nehme diese Erkenntnis zukünftig gerne auch in andere zwischenmenschliche Begegnungen mit.

Die Haltung wird durch Differenz herausgefordert
In der Sterbebegleitung werde ich Menschen mit sehr unterschiedlichen Lebensentwürfen, politischen Haltungen und Überzeugungen begegnen, die meiner eigenen Perspektive womöglich deutlich widersprechen. Wie lässt sich unterscheiden zwischen produktiver Irritation und Überschreitung persönlicher Grenzen? Wie kann ich mit dieser Differenz umgehen, ohne mich innerlich zu distanzieren oder vorschnell zu bewerten? Im Gespräch innerhalb der Gruppe entstand ein überraschend vertrauensvoller Raum, in dem die verschiedenen Sichtweisen nebeneinander bestehen konnten. Diese Begegnungen haben meinen Blick nicht nur auf andere, sondern auch auf mich selbst verändert.
©privat
Gruppenfoto der neuen Ehrenamtlich Mitarbeitenden und Kolleginnen aus dem Ambulanten Lazarus Hospizdienst.
Selbstreflexion und die Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit
Ausgehend von meinem eigenen künstlerischen und naturwissenschaftlichen Hintergrund und meiner praktischen Tätigkeit in der Bestattungsbranche habe ich mich bereits länger mit Fragen von Körperlichkeit, Transformation und Vergänglichkeit beschäftigt. Der Kurs hat mich auf eine neue, unmittelbarere Weise erreicht, weniger beobachtend und distanziert, stärker in der eigenen Betroffenheit hin zu einer Form des Involviertseins. In der Gruppe haben wir die eigene Identität und das, was wir als unser Wesen begreifen, bewusst der eigenen Sterblichkeit gegenübergestellt, um zu fragen, was vom Menschen bleibt, wenn Rollen, Selbstverständlichkeiten und Autonomie etwa durch Institutionalisierung zunehmend verschwinden. Die daraus resultierende Selbstreflexion wurde für mich zu einem fortlaufenden Neuverhandeln dessen, was zuvor als Gewissheit galt.

Ein besonderer Dank gilt den Leitenden der Gruppe, deren Begleitung diesen offenen Erfahrungsraum ermöglicht hat.

Aus der Motivation heraus, als Bestattungsassistentin die Perspektive zu wechseln und „auf der anderen Seite der Schwelle“ zu stehen, habe ich den Kurs begonnen. Umso bemerkenswerter war die Erkenntnis, dass die Fragen letztlich ähnlich bleiben. Als würden sie weniger an die Tätigkeit gebunden sein als an etwas Grundsätzliches im Menschlichen.
Jana Thiel
Ehrenamtliche Mitarbeiterin im Ambulanten Lazarus Hospizdienst

Lazarus Hospiz - Forumabend im September

Der nächste Forumabend findet am 14. September statt. Der Theologe und emeritierte Hochschulprofessor Dr. Michael Klessmann, spricht über das Thema Wie trauern Menschen in verschiedenen Religionen?- Vorstellungen, Gefühle und Rituale.
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Mit herzlichen Grüßen aus dem Lazarus Hospiz

Anette Adam

Leitung Stationäres Lazarus Hospiz

Elizabeth Schmidt-Pabst

Leitung Ambulanter Lazarus Hospizdienst

Bernauer Str. 117
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Tel: 030 / 46 705 276
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Redaktion: Anette Adam, Elizabeth Schmidt-Pabst und Paul Pomrehn
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