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Ausgabe 85/ September 2026
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"Doppelte Sprachlosigkeit ist gleich doppelte Ohnmacht"

(aus dem Bericht Mächtig ohnmächtig - Am Lebensende fern der Heimat)

Wir grüßen Sie herzlich

mit Worten aus dem Artikel von Asita Behzadi und Elizabeth Schmidt-Pabst zum Thema Am Lebensende fern der Heimat. Lesen Sie eine gekürzte Fassung des Artikels aus dem Heft Leidfaden.

Mächtig ohnmächtig - Am Lebensende fern der Heimat


Stellen Sie sich vor, Sie kommen aus einem Land, in dem die Gesundheitsversorgung nur rudimentär ist. In Ihrem Herkunftsland gibt es weder verlässlich lebenswichtige Medikamente noch eine stabile Versorgungsstruktur. Vielleicht hat nur ein Bruchteil der Bevölkerung aufgrund von Armut, Krieg oder fehlenden Infrastrukturen Zugang zu Angeboten des Gesundheitswesens. Es herrscht eine hohe Sterblichkeitsrate und Sie wissen, wer krank ist, wird es oft nicht überleben. Und nun stellen Sie sich vor, Sie sind nach Deutschland gekommen. In ein Land, in dem im Jahr 2022 pro Person 7.680 Euro für die Gesundheit ausgegeben wurden. Zum Vergleich: In Indien waren es lediglich 200 Euro pro Person (Statista, 2025).
Wie mag es Ihnen damit angesichts der schier unendlich wirkenden Möglichkeiten des deutschen Gesundheitswesens gehen? Möglicherweise betrachten Sie Deutschland als das Disneyland der Maximalmedizin. Wie geht es Ihnen dann, wenn die Ärztinnen und Ärzte sagen: »Es tut uns leid, wir können Sie nicht heilen«? Welche Enttäuschung erleben Sie, wenn die westliche Medizin sich nicht als das Allheilmittel herausstellt; wenn Sie erkennen, dass die Ärztinnen und Ärzte doch nicht die Macht haben, Sie zu heilen, wie Sie glaubten, sich wünschten, erträumten? Oder vielleicht sind Sie Angehörige und haben für den Aufenthalt und die Begleitung Ihrer schwerstkranken Liebsten all Ihren Besitz verkauft, Ihre Arbeit aufgegeben, Freunde und Familie hinter sich gelassen. Nun erfahren Sie, dass er oder sie hier doch nicht geheilt werden kann, sondern sterben wird. All das sind Erfahrungen von Menschen mit Flucht- und Migrationsgeschichte im deutschen Gesundheitswesen.
Wie geht es den Versorgenden, Pflegenden, und Beratenden in diesen Situationen? Viele Erwartungen, Hoffnungen und Träume werden in Sie gesetzt. Die Menschen, die so vieles hinter sich gelassen haben, um in Deutschland Heilung zu erfahren, sind verzweifelt. Vielleicht weinen und schimpfen sie, fordern, dass Sie weitere Infusionen, Vitamine, Antibiotika geben, irgendetwas, alles, Hauptsache Sie tun etwas! Sie sind mit der Ohnmacht und Hilflosigkeit der Erkrankten und Angehörigen konfrontiert und auch mit Ihrer eigenen Hilflosigkeit, weil all Ihr Tun, Ihre Bemühungen an der palliativen Situation nichts ändern. Sie sind angesichts des eintretenden Todes machtlos.
Die Erfüllung von (letzten) Wünschen ist ein Anspruch an eine gute und würdevolle Hospiz- und Palliativversorgung. Was tun, wenn der letzte Wunsch des schwer erkrankten, sterbenden Menschen die Rückreise an den Herkunftsort ist – auch, um dort zu sterben? Was nun, wenn diese Reise nicht möglich ist, weil zu Hause Krieg ist, es gar kein zu Hause mehr gibt oder vor Ort keine adäquate medizinische, medikamentöse Versorgung existiert? Was nun, wenn der Zustand des Erkrankten so instabil ist, dass ein Transport nicht möglich ist? Was tun, wenn diese Reise nicht möglich ist, weil sie nicht finanziert werden kann oder es gar keine gültigen Ausweisdokumente gibt? Auch die umgekehrte Wunscherfüllung klappt nicht: die Angehörigen zum Wiedersehen und zur Verabschiedung nach Deutschland holen. Mal, weil auch hier die finanziellen Ressourcen fehlen, mal, weil es im Land kein Konsulat zur Ausstellung des Visums gibt oder die Ausstellung länger dauert und der Weg nach Deutschland weit ist.
Am Lebensende kann sich die Hilflosigkeit in einer »Sprachlosigkeit« potenzieren: Zum einen ringen die Anwesenden – sowohl Erkrankte als auch Angehörige und Behandelnde – mit den richtigen Worten angesichts der Themen »Tod und Sterben«. Die Angst vor Abschied und Verlust sowie kulturelle Tabus können dazu führen, dass Gespräche stocken oder gar nicht erst stattfinden. Zum anderen entsteht eine Sprachlosigkeit ganz im wörtlichen Sinne, wenn eine gemeinsame Sprache fehlt. Im Fall einer Sprachbarriere können schwerstkranke oder sterbende Menschen ihre Wünsche, Ängste und Bedürfnisse nicht mitteilen und Behandelnde nicht oder nur ungenau Unterstützungsangebote formulieren und individuell anpassen.
Die daraus entstehende doppelte Ohnmacht erschwert nicht nur die medizinische und pflegerische Versorgung, sondern auch den zwischenmenschlichen Kontakt. Diese doppelte Sprachlosigkeit steht im Widerspruch zu einem zentralen Anspruch der Hospiz- und Palliativversorgung: eine individuelle Begleitung mit guter Kommunikation. Wenn nun eine gemeinsame Sprache als Brücke zwischen den Behandelnden/Versorgenden und den Schwerstkranken, Sterbenden und deren Angehörigen fehlt, können wichtige Entscheidungen nicht gemeinsam getroffen werden. Auch Bedürfnisse werden dann nicht oder nur rudimentär erfasst, werden geraten oder – nicht unbedingt treffend – zugeschrieben.
Obwohl es eine Aufklärungspflicht in der Medizin gibt und obwohl bekannt ist, dass ohne den Einsatz qualifizierter Sprachmittlung sowohl die Qualität der Gesundheitsversorgung als auch die Zufriedenheit aller Beteiligten leidet, wird sie in Deutschland nicht regulär finanziert. Behandlungsteams greifen daher auf informelle Lösungen zurück, zum Beispiel zufällig anwesende Reinigungskräfte oder Google-Übersetzung. Das häufigste Arrangement ist jedoch die Übersetzung durch Angehörige und Bekannte – so es diese denn gibt bei Geflüchteten.
Untersuchungen zeigen eindeutig, dass die Qualität dieser Übersetzungsformen mangelhaft ist. Hinzu kommt die Überforderung der nicht-professionellen Übersetzenden und der mögliche kulturelle Tabubruch (Banse et al., 2022). Situationen, in denen Familienangehörige als Übersetzende von schwerwiegenden Prognosen oder sensiblen Details der Symptome herangezogen werden, können verstören – alle Beteiligten. Angehörige fühlen sich zum Teil unter Druck gesetzt, kulturelle Normen zu brechen oder, um sie einzuhalten, das Gesagte nicht korrekt zu übersetzten. Wenn minderjährige oder junge Erwachsene als Angehörige in die Rolle des Dolmetschers gesetzt werden, kann es zu Traumata, Schuldgefühlen und starken psychischen Belastungen führen.
Um schwer Erkrankten eine würdevolle Begleitung zu ermöglichen, reicht es nicht aus, sich auf medizinische und pflegerische Aspekte zu konzentrieren. In der Hospiz- und Palliativarbeit wird mit dem Konzept des »Total Pain« bereits ein mehrdimensionaler Ansatz praktiziert, der physische, psychische, soziale und spirituelle Aspekte von Leiden gleichermaßen berücksichtigt. Doch dieser Ansatz kommt in der Behandlung und Versorgung von Menschen mit Flucht und Migrationsgeschichte an seine Grenzen (Banse et al., 2021). Die Ohnmacht entsteht, wenn wir den gesellschaftspolitischen Kontext ausklammern, oder anders gesagt: Reaktionen auf der individuellen Ebene lassen sich nur verstehen und bearbeiten, wenn wir die Bedeutung von gesellschaftlichen und sozialen Ressourcen einbeziehen (Hobfoll, 2011). Es scheint zunächst paradox: Denn nicht die Komplexitätssteigerung durch die Ergänzung der physischen, psychischen, sozialen und spirituelle Aspekte um die gesellschaftliche Ebene macht ohnmächtig, sondern vielmehr die Ausklammerung.
Asita Behzadi
Psychoonkologin, Fachpsychologin Palliative Care, Ethikberaterin, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Klinik für Hämatologie, Onkologie und Tumorimmunologie der Charité – Universitätsmedizin Campus Virchow-Klinikum Berlin
Elizabeth Schmidt-Pabst
gebürtige US-Amerikanerin, 1998 in Deutschland. Bachelor of Science in Nursing, Fachkraft Palliative Care, Trauerbegleiterin, Leiterin des Ambulanten Lazarus Hospizdienstes

Hier der Link zum Heft

Literatur
Banse, C.; Behzadi, A.; Bohnhoff, F.; Günay, Y.; Hopp, S.; Jansky, M.; Lenk-Neumann, B.; Migala, S.; Pakaki, N.; Schmidt-Pabst, E. (2022). Positionspapier der DGP – AG Palliativversorgung für Menschen mit Migrationshintergrund: Sicherstellung der qualifizierten und professionellen Sprachmittlung als Voraussetzung für Chancengleichheit beim Zugang zu Leistungen der Hospiz- und Palliativversorgung. https://www.dgpalliativmedizin.de/ phocadownload/220627_Sprachmittlung_Palliativversorgung_fuer_Menschen_mit_Migrationshintergrund. pdf (Zugriff am 23.03.2025).
Banse, C.; Owusu-Boakye, S.; Schade, F.; Jansky, M.; Marx, G.; Nauck, F. (2021). Der Migrationshintergrund als Grenze der Palliativversorgung am Lebensende? In: Deutsche Medizinische Wochenschrift, 146, 4, e22-e28.
Hobfoll, S. E. (2011). Conservation of resources theory: Its implication for stress, health and resilience. In: Statista. Jährliche Gesundheitsausgaben pro Kopf in ausgewählten OECD-Ländern im Jahr 2022. https://de.statista. com/statistik/daten/studie/37176/umfrage/gesundheitsausgaben-pro-kopf/ (Zugriff am 23.03.2025).

EINLADUNG

zum LAZARUS HOSPIZ – FORUM

Montag, den 14. September 2026 um 18 Uhr im Festsaal

THEMA:
Wie trauern Menschen in verschiedenen Religionen? -
Vorstellungen, Gefühle und Rituale

GAST:
Prof. em. Dr. Michael Klessmann

Dr. theol., Prof. emeritus für Praktische Theologie an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal mit den Schwerpunkten Seelsorge, Pastoralpsychologie und Supervision. Langjährig Krankenhausseelsorger in den von Bodelschwinghschen Anstalten Bethel, Seelsorgeausbilder, Supervisor und Lehrsupervisor (DGfP) und Gestalttherapeut in Berlin.
Nach dem Verlust eines geliebten Menschen trauert jeder Mensch auf ganz individuelle, einzigartige Weise. Aber wir sind nicht nur Einzelwesen, sondern immer auch von der umgebenden Kultur, ihren religiösen Vorstellungen und Ritualen geprägt. In diesem Vortrag soll vorgestellt werden, welche Trauerrituale im Judentum, Christentum, Islam und Hinduismus traditionell vorgegeben sind und wie sie bis heute, trotz verbreiteter Säkularisierung, die Vorstellungen, die Gefühle und das Verhalten der Menschen, die im Kontext dieser Religionen aufgewachsen sind, beeinflussen. Der Blick auf das Fremde / die Fremden schärft die Frage nach den eigenen Traditionen und Ritualen.
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Mit herzlichen Grüßen aus dem Lazarus Hospiz

Anette Adam

Leitung Stationäres Lazarus Hospiz

Elizabeth Schmidt-Pabst

Leitung Ambulanter Lazarus Hospizdienst

Bernauer Str. 117
13355 Berlin
Tel: 030 / 46 705 276
Fax: 030 / 46 705 277
E-Mail: lazarushospiz-ambulant@lobetal.de
Web: https://www.lazarushospiz.de

Redaktion: Anette Adam, Elizabeth Schmidt-Pabst und Paul Pomrehn
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